Meine Beichte

Posted on 18. August 2017

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»Ich habe im Krieg Menschen umgebracht, zum Duell gefordert, um zu töten, im Kartenspiel verloren, habe die Arbeit der Bauern ausgenutzt, sie bestraft, habe gefehlt, betrogen, Lüge, Raub, Wollust, Trunksucht, Gewalt, Mord – es gibt kein Verbrechen, das ich nicht begangen hätte.

Lew Tolstoj

Heute würde man sagen „Persönlichkeitsstörung“ aber schuldig kann er nicht gesprochen werden, und deshalb sollte sich der Betroffene auch keine Gewissensbisse machen, man sollte vielmehr Verständnis für die Umstände zeigen, die ihn geprägt haben, ist er doch nur ein Kind seiner Zeit. Hinzu kommt, dass Schuld «relativ» und nicht messbar ist, und weil das so ist, ist niemand wirklich Schuld, es sei denn eine kleine Gruppe bestimmt was schwerwiegende «Sünden» sind. Meistens sind es diejenigen, die gerade die Macht innehaben. So gibt es heute für derartige Verbrechen nur eine Lösung «Schuldunfähigkeit» und das Urteil lautet: Therapie!

Schweissgebadet von Albträumen wacht man heute auf, wenn man sich zu ungesunden Essen hat hinreissen lassen, das vegane Menü trotz aller Bekehrungsversuche verschmäht, als Gastgeber nur ein Menü auf den Tisch stellt – ohne Rücksicht auf die Vegetarier, Veganer, Biofanatiker oder die vielen eingebildeteten Laktoseintoleranten zu nehmen. Mal abgesehen von der Fahrt mit dem umweltbelastenden Dieselfahrzeug, den Müll, den man nicht trennte, den «Negerkuss» und das «Zigeunerschnitzel» das dummerweise vor aller Welt Ohren in der Mensa bestellt wurde, und damit zig Studenten diskriminiert wurden, gibt es eine ganze Reihe von verdammungswürdigen «Sünden». Diese Dogmen sind zu Glaubensgrundsätzen geworden und bescheren uns die schlaflosen Nächte und nicht etwa unsere Verlogenheit, die wir aus puren Egoismus  täglich unseren Mitmenschen zumuten.

Jede Gruppe pflegt ihren individuellen Glauben und ist besessen davon, andere überzeugen zu müssen, so sah sich auch Tolstoj als eine Art Priester, der glaubte, die Menschheit belehren zu müssen, bis er erkannte, in welcher Sackgasse er sich damit selbst befand.

«Ich hatte ein neues Laster davongetragen: einen Hochmut, der sich bis zur Krankheit entwickelte, und eine wahnsinnige Überzeugung, dass ich berufen sei, Menschen zu belehren.» «Ich begriff, dass ich mich irrte.»

«Heute muss ich lachen, wenn ich darüber nachdenke, was ich alles anstellte, nur um meine Laune – das Belehren – erfüllen zu können, obwohl ich im Innern meines Herzens sehr gut wusste, dass ich nicht in der Lage war, dass zu lehren, was notwendig war, denn das vermochte ich ja selbst nicht zu beurteilen. Ich hatte mich nicht geirrt, weil mein Gedankengang unrichtig war, sondern vielmehr, weil ich schlecht lebte. Nicht die Verirrungen meines Denkens hatte mir die Wahrheit verdeckt, sondern mein Leben, mein ausnahmslos nach den Bedingungen des Epikureismus in Lüsten verbrachten Leben. Ich begriff jene Wahrheit, die ich nachher im Evangelium fand, dass die Menschen mehr die Finsternis als das Licht liebgewonnen haben, weil ihre Handlungen übel waren

Mir persönlich ist die vegane Wurst, die sich nicht mehr Wurst nennen darf völlig wurst, «Ihr werdet nicht unrein durch das was ihr esst, sondern durch das was ihr sagt und tut». Deshalb schliesse ich mich dem «geläuterten» Tolstoj an und versuche all die Sünden NICHT zu tun, die heute jeder machen darf – ohne Schuld zu empfinden.

Ich bilde mir ein, dies sei der bessere Weg, zumindest muss ich mich selbst nicht bis zur menschlichen Unkenntlichkeit erniedrigen, um «Lust» zu empfinden oder vielleicht Abbitte für das tagsüber fies gelebte Leben zu leisten? Da selbstverständlich jeder Mensch schuldig wird, weiss ein Religiöser – insbesondere ein Christ, wohin er damit zu gehen hat! Und wozu?

Na, um wirklich frei zu sein!

 

 

 

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