Rebellischer Gentleman

Posted on 20. Juni 2017

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Zu einem Glas Champagner mit Churchill ist es leider nie gekommen aber mit dem Autor des Buches konnte ich dieses historisch bedingte Versäumnis nachholen und anstossen im LaSalle in Zürich. Ein Treffpunkt der kreativen Szene und innenarchitektonischer Traum aus verschiebbaren Wänden heisst es. Kurz, hier trifft sich die Züricher In-Szene – die Avantgarde. Also nichts für Spiesser! Und Ladies? Na ja… zugeben… besonders avantgardistisch sehen sie nicht aus, sie wirken in Zürich West leicht antiquiert und im schlimmsten Fall mit Hut deplatziert.

Aber, und jetzt kommt’s, das Essen im La Salle ist ausgezeichnet, ein Lüster an der Decke gibt der ehemaligen Schiffsbauhalle einen eleganten Touch und mit einem realitätsbezogenen Gentleman an der Seite verging die Zeit wie im Flug. Und noch eine kleine Randnotiz, die oft wichtiger ist, als wir meinen! Er war pünktlich und überliess mir den besseren Platz, das bedeutet, im Falle eines feindlichen Angriffes hätte es – ganz gentlemanlike –  ihn zuerst erwischt – ohne Flankenschutz – wie er war.

Aber Angriffe ist er gewohnt, der stellvertretende Chefredakteur der Weltwoche Philipp Gut. In einer Welt der «Konformisten» hat es jeder «Exot» schwer, der zudem als hartnäckiger Rechercheur bekannt ist. Besonders dann, wenn Leute beim Lügen ertappt werden, die als moralische Redenschwinger auftreten aber im eigenen Leben selbst versagen.

Nichtsdestotrotz, Streit an und für sich, oder das bewusste Legen irgendwelcher «Brandsätze im Wochentakt» gehören nicht zu Guts Motivation, sondern die Suche nach Wahrheit, gepaart mit einem Freiheits- und Unabhängigkeitsdrang. Schon als Kind prägten ihn diese «Tugenden», wohlwissend, dass Freiheit auch immer Verantwortung und Vertrauen bedeutet, im Gegensatz zu Misstrauen, welches unweigerlich Kontrolle mit sich bringt.

Für einen echten Schweizer ein Schreckensszenario und das Letzte was sich ein Eidgenosse wünscht, deshalb passt Philipp Gut wie ein Puzzleteil ins Bild eines Wilhelm Tell, vermutlich trat er deshalb neben vielen anderen Fernseh-Talkshows im Polit Stammtisch Tells Geschoss auf. Eines seiner Lieblingszitate ist allerdings nicht auf Tell zurückzuführen, sondern wesentlich älter, nämlich auf den antiken griechischen Historiker Thukydides.

«Das Geheimnis des Glücks ist die Freiheit, das Geheimnis der Freiheit aber ist der Mut».

Philipp Gut versteht sich keineswegs als Revolutionär, vielmehr als Rebell. Wie sich während des Gespräches herausstellte, bedarf es hier einer Unterscheidung, um ihm und seinem Anliegen gerecht zu werden. Als jemand, der Geschichte studierte, weiss er nur allzu gut, dass Revolutionäre den Umsturz beabsichtigen, ganze Meuten im Schlepptau mitziehen, Köpfe rollen und Blut in Strömen fliesst. Rebellen hingegen rufen zu Widerstand auf, sind tendenzielle Einzelkämpfer, selbst wenn sie um der Wahrheit willen hart bleiben, Menschenleben der Brutalität und Grausamkeit opfern, ist ihre Sache nicht. Dabei verliert ein Mensch wie Philipp Gut das gesunde Mass nie aus den Augen, vielleicht liegt es an seinem Studium der Philosophie, und an den damit verbundenen platonischen Kardinaltugenden, die sich unbemerkt in sein Leben eingeschlichen haben.

Der Wahrheit und nicht irgendeiner Ideologie verpflichtet, ist er unparteiisch. Daher prangert er von links bis rechts Heuchelei an, lässt sich nicht vereinnahmen oder instrumentalisieren. Trotzdem realistisch und ehrlich genug zu erkennen, dass niemand – auch kein Journalist – absolut objektiv agieren kann. Als Realist erkennt er das und blendet nicht aus, wie das Idealisten oft zu tun pflegen. Er lebt von Fakten und analysiert diese, geschichtlich Bewährtes fliesst in sein Denken ein, wird übernommen bzw. den jeweiligen Umständen angepasst – ein Rad muss schliesslich nicht erfunden werden, wenn dieses schon existiert und es obendrein noch tadellos funktioniert.

Alle sehen es, aber keiner wagt es zu sagen bzw. zu schreiben: das Schicksal eines Einzelkämpfers mit einem Hang zum Schöngeistigen. Für seine Dissertation, die mit dem Prädikat summa cum laude ausgezeichnet wurde, erhielt er den wissenschaftlichen Förderpreis der Deutschen Thomas Mann-Gesellschaft. Ohne dieses Abtauchen in die Welt der Literatur und dazu gehört das Schreiben von Büchern, wäre dieses Dasein wohl kaum erträglich, am Ende steht man ziemlich allein.  Auch dieser Tatsache sieht ein Realist wie Philipp Gut ins Auge. Es ist wie es ist. Auf der Suche nach Wahrheit mobilisiert man keine Massen, meistens herrscht kollektives Schweigen, das war schon immer so und wird immer so sein.

 

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