Das Piano

Posted on 17. Juni 2016

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Schon seit Monaten trage ich mich mit dem Gedanken, einen Blog zum Film The Piano  zu schreiben, mit gemischten Gefühlen, denn die Empörung war ihnen aufs Gesicht geschrieben, als ich vor Jahren in meinem jugendlichen Leichtsinn den Fehler beging, diesen «unmoralischen» Film einem christlichen amerikanischen Paar zu empfehlen. Ich fand ihn grandios und stand ziemlich allein auf weiter Flur, dabei bietet dieser anspruchsvolle Film künstlerisch betrachtet eine perfekte Symbiose zwischen Stimmung, Musik und Schauspielern. Aber zugegeben, moralisch betrachtet, ist er tatsächlich höchst unmoralisch, da gibt es nichts schönzureden. Wer ihn aber darauf reduziert, hat die Botschaft des Films nicht verstanden. 

An voyeuristische Sex-Szenen werde ich mich allerdings nie gewöhnen, aber diese sind heute kaum mehr wegzudenken, eine Schockszene, die einem schier den Atem zu rauben droht, gibt es auch, daher nichts fürs Hypersensible. Ausserdem ist er nichts für Männer, die bei Actionfilmen so richtig in Fahrt kommen, diese schlafen garantiert nach 5 Minuten ein. Und Frauen, die auf Romantikkomödien wie «Rosamunde Pilcher oder «Sex in the City» stehen, sollten ihre Zeit lieber anderen Dingen und nicht diesem Film widmen.

Der Film ist kein seelischer Aufsteller. Vielmehr steht die Verzweiflung einer Frau, die sich für die innere Isolation entschieden hat, im Vordergrund. Sie kommt mit ihrer neunjährigen Tochter und ihrem über alles geliebten Klavier zu einer arrangierten Heirat in den entlegenen Busch von Neuseeland. Als einziges ihrer Besitztümer bleibt das Piano am Strand zurück, weil ihr Ehemann sich weigert, das Klavier zu transportieren. Damit trennt er sie unweigerlich von ihren Gefühlen und treibt so latent einen Keil zwischen sich und seiner Frau. Da Ada den Gedanken an die sichere Zerstörung des Pianos nicht ertragen kann, geht sie einen Handel mit ihrem Nachbarn ein. Er «erkennt in ihr» was ihrem eigenen Mann verborgen blieb und steuert damit unaufhaltsam in die Katastrophe. Selbst die bigotten und emotional abgestumpften Siedlerfrauen des Ortes monieren: „Sie spielt das Klavier nicht so wie wir das tun. So ein Klang, der in einen hineinkriecht, ist äußerst unangenehm!“

Es ist eine Qual, dabei zuschauen zu müssen, wie zärtliche Worte durch brutale Handlungen zerrissen werden, Liebe und Eifersucht und Liebe und Hass sich abwechseln wie glühend heiss und bitterkalt.

Der im viktorianischen Zeitalter spielende Film mit seiner puritanischen Sinnesfeindlichkeit erinnert ein wenig an Babettes Fest. Ein solcher Puritanismus führt oftmals zur Verbitterung, da er letztendlich mehr auf Zwanghaftigkeit und Gesetzlichkeit als auf gelebter Freiheit beruht. Die Lebensfreude nimmt ab und die Unzufriedenheit zu. Natürlich kann Freiheit auch Verzicht bedeuten, dies setzt allerdings einen freien Willen – also Freiwilligkeit – voraus. Oftmals lastet auf besonders Religiösen ein unsichtbarer Druck, sich den Himmel verdienen zu müssen, dabei krampfen sie sich durch Leben ohne jemals Gewissheit zu erlangen.

Eine grosse Freude ist es deshalb für mich, Menschen zu begegnen, die diese Freiheit geniessen, statt sie zu bekämpfen. Es gibt wunderbare Menschen, mit denen ich mich gerne treffe und ganz «antipuritanisch» Essen gehe. Mein Dank, an dieser Stelle gilt besonders einer lieben Freundin aus dem sonnigen Wallis, Ben Wilmes, einem brillanten virtuellen Freund, der schon lange meinen Blog mit Esprit bereichert.

Eine alte Binsenwahrheit scheint sich auch in diesem Film zu bestätigen. „Echte Liebe“ basiert auf Freiwilligkeit, sie kann weder eingefordert, erzwungen noch erkauft werden.  Sollte jemand diese Wahrheit nicht ertragen  und zudem ohne „Sünde“ sein, der werfe den ersten Stein……….

Trailer:

Film:

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