Das liberale Basel?

Posted on 14. Januar 2012

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Wie die neueste (nicht repräsentative) Umfrage der Basler Zeitung bezüglich Sexualerziehung und der damit verbundenen Wahlfreiheit zeigt, scheint der liberale Geist Basels ein Phantom zu sein, der sich nun von selbst in Luft aufgelöst zu haben scheint.

Sollen Eltern ihre Kinder vom Sexualkundeunterricht abmelden dürfen?

62% NEIN

38% JA

Merkwürdig, bedeutet doch Liberalismus nichts anderes als Freiheit und  Mündigkeit, die jeglicher Zwangausübung durch den Staat kritisch gegenübersteht. Ist denn Basel durch eine  links- grüne indoktrinierende „Gehirnwäsche“ gegangen, dass die Menschen in einer ehemals  liberalen Stadt sogar die intimste Erziehung der Kinder ab 4 Jahre dem Staat überträgt?  Tickt Basel deshalb anders?

Was heisst denn nun überhaupt Liberalismus?

Das Liberale Institut der Schweiz betont, dass eine liberale Ordnung der Kraft und der Toleranz bedarf, „sich gegenseitig Mündigkeit und Privatautonomie zuzumuten.“ Ich hoffe, dass in dieser Ordnung auch mündige Eltern vorgesehen sind.

Der Liberalismus wurzelt in der Skepsis gegenüber der Macht, dem Zwang, und damit auch dem Staat.“ Wohlgemerkt – in der Skepsis gegenüber der Macht und dem Staat – ob das wohl auch für staatliche Bereiche gilt, in denen Vertreter liberaldemokratischer Parteien an der Macht sind?

Jede liberale Ordnung steht und fällt mit dem Respekt vor der Eigenständigkeit der Person. Wo Zwang herrscht, soll sich Freiwilligkeit und Autonomie ausbreiten. Wenn aber Selbstverantwortung an Stelle von Fremdbestimmung und Regulierung treten soll, dann muss der „geordnete Rückzug“ aus entmündigenden — oft gut gemeinten — etatistischen Fehlstrukturen angetreten werden.“ Und um genau das geht es ja – um einen Staatsapparat, der vielleicht sogar gut gemeint dabei ist, im Bereich der Erziehung unserer Kinder Fehlstrukturen aufzubauen und mündige Eltern mit staatlicher Gewalt unter diese Strukturen zu zwingen.

Auch der Aufbau eines einzigen Kompetenzzentrums mit Bundesgeldern, das Vorgaben für die ganze Schweiz erarbeitet, kann nicht im liberalen Sinne sein, denn das Liberale Institut schreibt selbst „Zentralisierung ist eine Gefahr für Freiheit und Autonomie.“

Besonders spannend ist ja nun der Aspekt, dass die liberal-demokratische Partei Basel-Stadt sich selbst charakterisiert, dass sie traditionell aus einer „Minderheitsposition“ heraus agiere – und da sollte ja eigentlich Verständnis und Solidarität mit anderen „Minderheitsposition“ naheliegen, beispielsweise gegenüber Familien, die die Verantwortung selbst übernehmen wollen, eben gerade die Verantwortung für den „Schutz des Individuums vor allzu viel Staatsinterventionismus“ bei den Eltern belassen wollen und nicht per Zwang an die Schule abzutreten. Dabei geht es im ureigentümlichsten Sinne eben gerade um „möglichst umfassende Eigenverantwortung der einzelnen Bürgerin und des einzelnen Bürgers. Sie strebt ein Höchstmass an individueller Handlungs- und Entscheidungsfreiheit an“ – und diese wird prinzipiell gefährdet, wenn der Staat in Fragen der frühkindlichen Sexualerziehung per Dekret interveniert und die betroffenen Familien unter staatliche Massnahmen zwingt.

Nun kann es natürlich sein, dass in einer Zeit der Individualität und Relativität jeder etwas anderes unter Liberalismus versteht und die Schwammigkeit alles aufsaugt, bis nichts mehr davon übrig bleibt. Allgemeingültigkeiten sind „Axiome“ und die gehören schliesslich in einer modernen, liberalen und aufgeschlossenen Zivilisation in die Mottenkiste!

Es sei aber doch die Frage erlaubt: Gelten nun diese liberalen Grundsätze nur, wenn Liberale aus einer oppositionellen Minderheitenposition heraus agieren oder auch wenn sie selbst an der Macht sind? Das wäre etwa dieselbe Frage, ob evangelikale Freikirchler sich nur an die zehn Gebote halten sollen, solange sie eine religiöse Minderheit sind?

PS: Ich werde mir diese „Gebote“ der LDP Basel und des Liberalen Institutes vorsorglich mal ausdrucken, sonst laufe ich vielleicht Gefahr, dass diese still und heimlich den aktuellen Gegebenheiten angepasst werden, so wie das Kompetenzzentrum Amorix seine homepages in den letzten Wochen „verbessert“ hat, seit die intensive öffentliche Diskussion über die Frühsexualerziehung läuft … Ob sich wohl Amorix in gewissen Punkten tatsächlich durch die Argumentation der Gegnerschaft hat überzeugen lassen? Oder ob es sich nur um sprachliche Kosmetik durch eine PR-Firma handelt? Um die Gemüter zu beruuuuhigen wurden wohlweislich gewisse „Reizwörter“ entfernt. Zum Glück habe ich die „alte“ Variante noch.

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Posted in: Sexualerziehung