Offener Brief in Sachen “Unaufgeklärte Kinder sind ausgeliefert”

Veröffentlicht am 7. September 2011

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Sehr geehrte Damen und Herren, sehr geehrter Herr Zemp

Als Komiteemitglied der “Petition gegen die Sexualisierung der Volksschule” und betroffene Mutter habe ich Ihr Positionspapier “Unaufgeklärte Kinder sind ausgeliefert” gelesen und bin erstaunt über Ihren platten Rundumschlag, der meiner Meinung nach jenseits einer eigenen differenzierten Meinungsfindung liegt und der für mich insbesondere zum Ausdruck bringt, dass Sie besorgte Eltern nicht ernst nehmen. Zumal die Petition nicht den Lehrpersonen galt und keinesfalls die in bisher sorgfältiger Weise ausgeführte Arbeit bei Teenagern in Abrede gestellt werden sollte. Auch stimme ich mit den von Ihnen erwähnten 5 Zielen völlig überein, insbesondere die von Ihnen erwähnte wichtige Unterstützung des Elternhauses durch die Schule.

Deshalb ist mir nicht ganz verständlich, warum Sie einseitige Informationen und Empfehlungen an die Lehrpersonen adressieren, ohne sich fundiert mit der Sachlage auseinandergesetzt zu haben scheinen. Das Petitionskomitee hat mit keinem Wort behauptet, gegen Aufklärung, geschweige denn gegen angemessene Vorsorge bzgl. Missbrauch zu sein. Als vierfache Mutter verwirrt mich Ihre Stellungnahme, da es mir ebenso wie Ihnen ein wichtiges Anliegen ist, Kinder vor unlauteren Übergriffen zu schützen.

Dass Sie sich dabei nur auf einen einzigen Nationalrat stürzen und ein einseitiges Feindbild suggerieren – und alle anderen Nationalräte aus FDP, CVP, EVP und andere Interessengemeinschaften einfach unterschlagen, ja Ihre Lehrkollegen gar dahingehend manipulieren, es handle sich dabei um Verschwörungen, lässt mein bis anhin in die Lehrerschaft entgegengebrachtes Vertrauen arg ins Wanken geraten.


Die fünf Forderungen des Komitees sehen wie folgt aus:

  1. Bildungsdirektoren haben wieder die volle Verantwortung für Entwicklung und Gestaltung des Sexualkunde-Unterrichts an der Volksschule zu übernehmen.
  2. Kein Obligatorium für Sexualkunde-Unterricht (dies war bis jetzt so)
  3. Keine Anregungen für Sexspiele und Sexualpraktiken im Sexualkunde-Unterricht
  4. Keine Pornographie im Sexualkunde-Unterricht
  5. Keine Beeinflussung der sexuellen Orientierung im Sexualkunde-Unterricht.

Woraus ist darin für Sie ersichtlich, dass damit der Kinderschutz ins Gegenteil verlagert wird und wieso verknüpfen Sie dies mit bigott-prüden Milieus? Aber interessant ist es für mich natürlich schon. Können Sie mir bitte die Quelle für Ihre Aussagen angeben?

Sie betonen die gemeinsame Aufgabe zwischen Elternhaus und Schule.

Jetzt frage ich mich, warum ich zu diesem Thema bisher nie zu einem Elternabend eingeladen wurde, geschweige denn Material unaufgefordert zu sehen bekam? Nachdem ich schon anfangs Jahr einen Blick in die Basler Box geworfen habe und mich näher dazu im Schulhaus einer OS Basel informierte, schien dies Erstaunen auszulösen. Die Fachlehrerin teilte mir mit, dass ich die Erste in 10 Jahren sei, die sich überhaupt dafür interessiere. Nun spricht das sicher auch für ein prinzipielles Vertrauen in die Lehrerschaft, was ja nur zu begrüssen ist, aber nach einer gemeinsamen Aufgabe von Elternhaus und Schule, sieht dies nicht aus.

Wenn ich dabei noch die schon seit Jahren eingesetzte DVD “Sex eine Gebrauchsanweisung für Jugendliche Teil 2″ anschaue, die von YouTube mit einer Alterssperre belegt ist, gestatten Sie mir doch die Frage, auch im Hinblick auf Punkt 5 Ihres Papiers, wie “unbedingter Respekt vor körperlicher und seelischer Integrität” definiert wird?

Das Buch “Mein erstes Aufklärungsbuch” der Sex Box Basel für Kindergarten –und Primarstufe, lässt leider nicht auf eine sehr sorgfältig ausgewählte Weise schliessen. Bis vor kurzen war eine Handreichung in Basel für Kindergärten geplant, die nun nach massivem Protest durch die Basler Eltern vom Erziehungsrat wieder entfernt wurde. Trotzdem stehen die Ziele, auch für Kindergärten, selbst wenn man diese kurzerhand nicht mehr als Sexualerziehung im Kindergarten deklariert.

Wie vom LCH erwähnt und sehr von mir begrüsst, schreiben Sie “dass aber nicht planmässig Themen gesetzt bzw. aufgedrängt werden dürfen, für welche die Kinder und Jugendlichem noch gar nicht reif sind”. Dies unterstütze ich sehr, weil dies eine Basis für eine gesunde Entwicklung unserer Kinder ist. So gehen die Vorstellungen der Lehrer und sicher vieler Eltern auch hier konform. Und wie mir die Lehrerin der OS bestätigte, ist die Reife bei vielen 12- bis 13-Jährigen wohl tatsächlich noch nicht vorhanden, da alles ausser Küssen irgendwie “Igitt” ist.

Natürlich kann das Interesse bald nach dieser Phase erwachen. Nun frage ich mich, warum Kindern der Reifegrad und damit dem seelischen Schutz nicht mehr Rechnung getragen wird? Oder klaffen hier Theorie und Praxis so auseinander?

Wenn ich Sie in Ihrem Positionspapier richtig verstehe, entziehen Sie den Eltern “elementarste” Sach-, Selbst- und Sozialkompetenz und begrüssen damit ein Obligatorium, andererseits wird von einer (ich hoffte ebenbürtigen) gemeinsamen Aufgabe zwischen Eltern und Schule ausgegangen. Sicherlich gibt es Eltern, die aus unterschiedlichen Gründen nicht Willens oder nicht fähig sind, diese Kompetenzen ihren eigenen Kindern zu vermitteln, aber viele, die sehr wohl dazu in der Lage sind. Werden solche verantwortungsbewussten Eltern damit nicht abgestraft, was einer guten Zusammenarbeit zwischen Eltern und Lehrern nicht gerade förderlich wäre?

Zu den angeblichen Falschbehauptungen von Nationalrat Schlüer beziehe ich mich als Parteilose auf die Aussagen von Prof Dr. Karla Etschenberg:

Die im Beirat des schweizerischen Kompetenzzentrums sitzende Professorin Dr. Karla Etschenberg findet, man müsse solche Filme (gemeint sind Pornos) als Anschauungsmaterial benutzen, um so Kinder zu einem gesunden Umgang damit zu befähigen und um eine Porno-Kompetenz zu entwickeln.

Herr Bruno Wermuth stützt sich auf die Empfehlung von Prof. Dr. Etschenberg

Als erwachsene Privatperson darf ich Jugendlichen unter 16 Jahren kein Porno-Material zugänglich machen. Wir sind daran abzuklären, ob wir als Fachstelle mit Bildungsauftrag bis zu einem gewissen Grad davon befreit werden können.

Das Anleiten sexueller Handlungen unter Kindern verdeutlicht das Buch “Lisa und Jan” von Prof. Dr. Sielert, der ebenfalls mit dem Kompetenzzentrum der PHZ verbundenen ist, in aufschlussreicher Weise.

Es wäre nun allzu naiv gedacht, zu glauben, dass weder das Kompetenzzentrum, welches mit Bundesgeldern finanziert wird, noch die hinzugezogenen hochkarätigen Experten, keinen Einfluss auf den Lehrplan21 hätten.

Nur leider wird dieser unter Verschluss gehalten:

Herr Bürgisser, zitiert von NZZ vom 30.08.2011: “Im Kompetenzzentrum gebe es sehr wohl Vorstellungen, was zum Thema Sexualerziehung auf den verschiedenen Schulstufen mögliche Kompetenzen und Inhalte des Lehrplanes sein könnten. Angesichts der angeheizten Diskussion sei es aber nicht möglich, das entsprechende interne Papier publik zu machen”.

Von Transparenz – und ebenbürtigem Einbezug der Elternschaft – kann hier wohl nicht die Rede sein.

Und warum diese Art der Intransparenz nun noch Unterstützung durch die Geschäftsleitung des Dachverbandes Lehrpersonen findet, ist mir gleichfalls ein Rätsel? Das Vertrauen von uns betroffenen und besorgten Eltern werden Sie auf diesem Wege sicherlich nicht gewinnen.

Mit freundlichen Grüssen
Ulrike Walker
http://dieweiterdenkerin.wordpress.com/

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