Das Interview mit Mirjam Jauslin und Regierungsrat Christoph Eymann auf TeleBasel war gut, vielen Dank. Wir fühlen uns als Eltern teilweise verstanden – bloss – was genau ändert sich jetzt wirklich?
Wissenschaft ist die neutrale Erforschung von Fakten und nicht das Zementieren von Meinungen – auch nicht derjenigen von Regierungen und Behörden – denn genau das wäre eben Propaganda für eine Ideologie.
Beim Zuschauen des Interviews entsteht leicht der Eindruck, dass die Schule intervenieren muss, weil anscheinend viele Kinder bereits im Kindergarten “schwul” als Schimpfwort einsetzen, zuhause die Pornosammlung des Vaters konsumieren oder selbst bis 2 Uhr früh fernsehen und die Eltern selbst in verklemmter Weise völlig überfordert sind und dieses Thema im Familienkreis tabuisieren. Eloquent argumentiert, da sind wir völlig gleicher Meinung, hier nehmen Eltern die Aufsichts- und Fürsorgepflicht nicht war, hier braucht es Korrektur und Hilfe. Die Erziehung der eigenen Kinder ist Tag für Tag eine anstrengende Herausforderung.
Aber – wissenschaftlich gesehen sind das leider erst mal einfach Behauptungen, die den Eindruck vermitteln, als handle es sich dabei um die überwiegende Mehrheit, die in ihrem Eltern-Sein versagen, so dass nun die Schule flächendeckend und obligatorisch eingreifen muss. Ja, diese Fälle gibt es – als tragische und ernstzunehmende Einzelfälle oder wirklich als repräsentative Mehrheit? Denn wir hören immer wieder dieselben Beispiele, empirisch erhobene Fakten, die repräsentativ sind, und die belegen, haben wir aber noch keine gesehen. Im Gegenteil – aktuelle wissenschaftliche Studien weisen darauf hin, dass der Anteil der Jugendlichen, die vor ihrem 15. Altersjahr sexuelle Erfahrungen sammeln, in Europa in den letzten Jahrzehnten nahezu stabil geblieben sind – in der Schweiz bei etwa 5%.Und so fragen wir uns:
- Weshalb muss sich nun die Mehrheit der Kinder und der Eltern nach diesen Einzelfällen ausrichten?
- Weshalb können diese nicht klar als Sonderfälle deklariert und angemessen behandelt werden?
- Für uns ist es nicht logisch, weshalb es hier nun ein Obligatorium für alle braucht?
- Weshalb braucht es hier eine Überreglementierung eines Themenkomplexes, der ins Familien- und Privatleben gehört?
Denn schliesslich argumentiert Herr Eymann immer wieder, dass die Eltern unterstützt werden sollen und dass man ihnen nichts wegnehmen möchte. Wir haben aber den Eindruck, dass die Behörden eigenmächtig den “Esel am Schwanz aufzäumen”. An anderer Stelle reklamieren Lehrpersonen und Polizei, dass sie mit Bildungsmassnahmen nicht nachkommen, um die erzieherischen Unterlassungen der Eltern zu korrigieren. Genau darum geht es – lassen Sie uns das Problem an der Wurzel angehen und nicht Symptome behandeln.
- Wie können wir die Kompetenz der Eltern steigern, damit diese ihre Verantwortung wahrnehmen? Welche konkreten Massnahmen sind dafür vorgesehen?
- Welches Budget setzt der Staat für Elternförderung ein?
Denn wenn nun die Schule als Lückenbüsserin einspringt, wird das Resultat erst recht kontraproduktiv sein – denn dann kümmern sich die “Problemeltern” erst recht nicht mehr darum. Zudem ist schulische Aufklärung ja keine neue Erfindung – gerade in Basel-Stadt klärt die Schule seit Jahrzehnten aktiv auf – warum sind dann die heutigen Eltern, die damals selbst in der Schule aufgeklärt worden sind, heute nicht in der Lage, ihre eigenen Kinder aufzuklären? Und bitte erklären Sie jetzt nicht, dass etwa die Einwanderer aus dem Kosovo den Massstab setzen. Wie schon gesagt – in der Schweiz sind es etwa 5%, die vor ihrem 15. Altersjahr sexuelle Erfahrungen sammeln.
Übrigens – weshalb sind eigentlich die Erfolge der durch Fachleute sehr professionell vorbereiteten und durchgeführten Aufklärungsprogramme an den englischen Schulen so enttäuschend, wie soeben wissenschaftlich nachgewiesen wurde?
Welche Kontrolle zur Zielerreichung haben die Schulen vorgesehen? Wie messen wir den nachzuweisenden Erfolg der obligatorischen Sexualerziehung in den Schulen?
- Weniger Missbrauchsfälle, weil unsere Kinder gelernt haben, Nein zu sagen – gegenüber dem “weiteren Bekanntenkreis”, gegenüber Lehrern, Sporttrainern, Vorgesetzten und anderen?
- Weniger Depressive, Traumatisierte und Schizophrene, weil unsere Kinder zu einer selbstbestimmten, eigenverantwortlichen und lebensbejahenden Sexualität gefunden haben?
- Weniger Teenager-Schwangerschaften und Abtreibungen?
- Weniger Geschlechtskrankheiten und eine verschwindende HIV-Rate?
Kinder sollen lernen, dass es Mann und Frau braucht, um Kinder zu kriegen – Sehr schön, als Eltern von vier Kindern können wir das nur unterstützen, auch wenn unsere Kinder das schon wissen. Ich hoffe, wir erinnern uns an dieses Lernziel, wenn wir in wenigen Jahren diskutieren werden, ob gleichgeschlechtliche Paare Kinder künstlich zeugen oder adoptieren dürfen.
Nach dem Blick-Interview haben wir Hoffnung geschöpft, dass der Sexkoffer massiv “entschärft” wird – heute Abend ist es für uns nach dem TeleBasel-Interview wieder sehr unklar. Der Sexkoffer soll überprüft werden. Gut! Aber von wem? Von den Fachleute, die die verantwortlichen Urheber sind?
- Besteht die Bereitschaft, eine gemischte Kommission zu berufen, in die auch die Elternkomitees und das Petitions-Komitee Fachleute ihres Vertrauens entsenden können?
- Denn gerade der Sexualunterricht ist ja nicht nur ein Biologie- und Gymnastikunterricht. Der Umgang mit Sexualität kann nicht werte-neutral erfolgen. In unser europäisch-aufgeklärten Kultur sind Fragen wie Respekt vor der Scham des anderen, Missbrauch des Schwachen, Pflege von Beziehungen, Schutz von Intimitäten, Verantwortlichkeit für das eigene Verhalten, wichtige Werte. Und für manche Religionen und Konfessionen stellt die Ehe sogar ein heiliges Sakrament dar.
Danke für die Gesprächsbereitschaft der Lehrpersonen, Behörden und Politik. Wir erwarten, dass sich am Schluss nicht einfach wie bei einem Zirkelschluss die Meinung der behördlichen Fachleute ex cathedra durchsetzen wird, sondern dass wir gemeinsam die fachlichen Grundlagen erörtert haben, so dass unsere Kinder tatsächlich vorbereitet und gestärkt in ihr Erwachsenenleben hineinwachsen.

Oktober 8th, 2011 → 16:47
[...] und mein damaliger Blog als Kommentar dazu [...]